ZERO

Künstlereinführung

Im Jahr 1957 gründeten die Künstler Heinz Mack und Otto Piene die ZERO-Bewegung in Düsseldorf, wenig später stießen Günther Uecker und Christian Megert hinzu. ZERO nahm sich völlig neue Gestaltungsprinzipien zum Vorbild: Licht und Bewegung dominieren ihre Werke. Die Kunst findet nicht mehr nur im Bilderrahmen statt, sondern im gesamten Raum, den die Künstler bespielen wollen. Es geht nicht mehr darum, ein bestimmtes Sujet darzustellen, sondern welche Wirkung das Kunstwerk auf den Betrachter hat. Oft sind die in der ZERO-Bewegung entstandenen Arbeiten und Projekte von Raum und Perspektive direkt abhängig. ZERO schließt radikal ab mit vergangenen künstlerischen Idealen und sieht sich selbst als absoluter Neuanfang, ein Start bei Null. Die Kunst der Künstler-Bewegung zeichnet eine offene, unvoreingenommene, positive Lebenshaltung, die bereit ist zu experimentieren, um neue Ausdrucksformen ins Leben zu rufen. Im Manifest der Gruppe („ZERO, der neue Idealismus“), welches in weißer Schrift auf einem schwarz ausgefüllten Kreis 1963 veröffentlicht worden ist, heißt es:

“ZERO IST DIE STILLE. ZERO IST DER ANFANG. ZERO IST RUND. ZERO DREHT SICH. ZERO IST DER MOND. DIE SONNE IST ZERO. ZERO IST WEISS. DIE WÜSTE IST ZERO. DER HIMMEL ÜBER ZERO. DIE NACHT –, ZERO FLIESST. DAS AUGE ZERI. NABEL. MUND. KUSS. DIE MILCH IST RUND. DIE BLUME ZERO DER VOGEL. SCHWEIGEND. SCHWEBEND. ICH ESSE ZERO, ICH TRINKE ZERO, ICH SCHLAFE ZERO, ICH WACHE ZERO, ICH LIEBE ZERO. ZERO IST SCHÖN, DYNAMO, DYNAMO, DYNAMO. DIE BÄUME IM FRÜHLING, DER SCHNEE, FEUER, WASSER, MEER. ROT ORANGE GELB GRÜN INDIGO BLAU VIOLETT ZERO ZERO REGENBOGEN. 4 3 2 1 ZERO. GOLD UND SILBER, SCHALL UND RAUCH. WANDERZIRKUS ZERO. ZERO IST DIE STILLE. ZERO IST DER ANFANG. ZERO IST RUND. ZERO IST ZERO“

Otto Piene

Otto Piene, „Unknown Tree“, Reliefdruck eines „Rauchbildes“, 72,3 x 101 cm, 2000/2014

Otto Piene, „Unknown Tree“, Reliefdruck eines „Rauchbildes“, 72,3 x 101 cm, 2000/2014

Otto Piene, Lichtraum, 1961-1999, Neue Nationalgalerie, Berlin, 2012

Otto Piene, Lichtraum, 1961-1999, Neue Nationalgalerie, Berlin, 2012

Otto Piene, Ohne Titel, Rauchzeichnung und Aquarell auf Velin, 1962, 70,2 x 49,8 cm

Otto Piene, Ohne Titel, Rauchzeichnung und Aquarell auf Velin, 1962, 70,2 x 49,8 cm

Als Mitbegründer der neuen ZERO-Bewegung fiel Otto Piene (1928-2014) eine besondere Rolle als Kunstschaffender zu. Seine radikal manifestierte Neuausrichtung der künstlerischen Ziele spiegelte sich wider in den neuen „immateriellen Materialien“, die er nutzte. Nach seinem Kriegsdienst und einiger Zeit in Gefangenschaft studierte Piene zunächst Kunsterziehung und Malerei in München und Düsseldorf, wo er Heinz Mack kennenlernte. Daran schloss er ein Studium der Philosophie in Köln an. Der gegenseitige Einfluss, den Mack und Piene aufeinander hatten, führte beide zum Umdenken. Sie distanzierten sich mit ihren eigenen Arbeiten bewusst von dem, was an Universitäten und Kunstakademien zu dieser Zeit gelehrt wurde.

Schon vor der ZERO-Gründung 1957 begann Piene sich mit dem natürlichsten aller möglichen Arbeitsmaterialien auseinanderzusetzen – dem Licht. Er installiert metallene Kunstobjekte, die gleichzeitig Lichtquelle sind, und bespielt ganze Ausstellungsräume mit einem inszenierten Lichtspektakel. Er variiert Formen und Farben, Reflektionen und Bewegungen des Lichts. Die Objekte, von denen das Licht ausstrahlt, sind hierbei nicht weniger aufwändig gestaltet als das, was sie von sich werfen. Die Lichtobjekte Pienes füllen Räume aus, sodass beide Komponenten erst als Gesamtkunstwerk zusammenwirken. Dass hierfür kein geschlossener Raum nötig ist, zeigt er mit seinen Außeninstallationen und der „Sky Art“, bei der er unter anderem auf dem Dach der Berliner Nationalgalerie drei übergroße, sternenähnliche, aufgeblasene Luftskulpturen anstrahlen ließ. So machte er sich einen Namen als Wegbereiter der kinetischen Kunst und der Sky-Art Events.

Ein weiterer essenzieller Baustein in der Kunst von Otto Piene war das Feuer. Mit Kerzen und Flammen zeichnete er „Rauchbilder“. Die unterschiedlichsten dunkelgrauen Verfärbungen, die das Feuer auf den Bildern hinterlässt, auf denen es gezündet wird, integriert Piene in Farbflächen. Gleichzeitig nutzt er die Hitze der Flamme, um die noch nicht getrockneten Farben zu lenken. Die Farbverläufe zeichnen feine „Farbobjekte“ auf den Leinwänden, welche fast zu detailreich und tief wirken dafür, dass sie tatsächlich nichts Reelles darstellen. Otto Piene schafft mit einer völlig neuen Technik eindrucksvolle Farbenspiele, die an Gegenstände oder Phänomene aus dem echten Leben erinnern und ganz im Sinne des ZERO-Gedankens einen neuen ästhetischen Blickwinkel einnehmen.

 

Christian Megert

Christian Megert, Ohne Titel (Spiegelobjekt illuminiert), 1967, Spiegel, Metall, Elektronik, 56 × 56 × 12 cm

Christian Megert, Ohne Titel (Spiegelobjekt illuminiert), 1967, Spiegel, Metall, Elektronik, 56 × 56 × 12 cm

Mit glänzenden Spiegelobjekten lenkte der Künstler Christian Megert die Aufmerksamkeit der Kunstszene seiner Generation auf sich. Während viele Besucher seiner ersten Ausstellungen Probleme hatten, die Spiegelfiguren als eigenständige Kunstwerke zu sehen, hat sich sein Ansehen international immer weiter gesteigert. Der Schweizer schuf experimentelle Konstruktionen aus Spiegel und Glas, die dem Betrachter völlig neue Blickwinkel ermöglichten. Damit erweiterte Megert die Vorstellungen des Möglichen in der Kunst. Ein besonders wichtiges Element seiner Arbeiten war jedoch kein Greifbares: für Effekte der Spiegelungen nutzte er ebenfalls Licht. Damit war er einer der Wegbereiter der interaktiven Kunst.

Seine Arbeiten mit Licht passten zu den Idealen der ZERO-Bewegung, einige Kunstschaffende der Gruppe wie beispielsweise Heinz Mack, arbeiteten bereits erfolgreich damit. Ebenfalls hatte er durch die monochromen „weiß-in-weiß“-Bilder, welche er zuvor gemalt hatte, eine gemeinsame Vergangenheit mit vielen anderen Künstlern aus dem Umfeld von ZERO. Langfristig setzte er den Schwerpunkt jedoch auf Spiegel als Material, mit welchen er heute seit über 50 Jahren arbeitet. 25 Jahre lang lehrte er an der Düsseldorfer Kunstakademie „Die Integration von Bildender Kunst und Architektur“, was als Leitbild immer auch maßgeblich für seine eigenen Werke galt.

 

Angelo Savelli

Angelo Savelli, „Ritmicals“, 1993, Acryl auf Papier, 86 × 29,5 cm

Angelo Savelli, „Ritmicals“, 1993, Acryl auf Papier, 86 × 29,5 cm

Angelo Savelli, „Obicross“, 1993, Acryl auf Papier, 29,5 x 43,5 cm

Angelo Savelli, „Obicross“, 1993, Acryl auf Papier, 29,5 x 43,5 cm

Angelo Savelli freundete sich in seiner künstlerischen Laufbahn erst spät mit der Farbe Weiß an. Die „weiß-in-weiß“-Bilder, für die er später bekannt wurde, entstanden erst während seiner Zeit in New York ab 1955. Nach seinem Studium der bildenden Künste in Rom arbeitete er zunächst selbst als Dozent an der Kunstakademie. Nachdem er mehrmals Dienst beim italienischen Militär leistete, kam er 1943 wieder zurück nach Rom, wo er sich nun mit der futuristischen Kunst auseinandersetzte.  Er wurde Mitglied des „Art Clubs“, eines in Rom ansässigen internationalen Künstlerbundes, dessen Künstler später auch als „Scuola Romana“ („römische Schule“) bezeichnet wurden. Nach diesen ersten Kontakten mit der internationalen Kunstszene, verließ er Italien für einen Studienaufenthalt in Paris. Ursprünglich nur für einen Monat angesetzt, verlängerte er Ihn auf ein Jahr und sammelte dort maßgebliche Erfahrungen für seinen späteren Stil. Sein Fazit: „Ich habe realisiert, dass ich mich von der sublimen italienischen Tradition befreien muss.“

1956 malt Angelo Savelli mit „Bianco su bianco“ sein erstes komplett weißes Bild. Obwohl er in Bilderreihen teilweise immer denselben Farbton nutzte, wird das Gemalte durch die Art des Pinselstrichs und die Textur erkennbar und unterscheidbar.

Durch das fließen lassen der Farbe in eine bestimmte Richtung, die Verwendung von unterschiedlichen Pinseln oder mit einer einfachen Rakel (Abstreichholz) schuf Angelo Savelli weiße Bilder, wie sie unterschiedlicher und bemerkenswerter nicht sein könnten.

 

Herbert Zangs

Herbert Zangs, Ohne Titel, ohne Jahr, Dispersion auf Holz, 7 × 5,5 x 4cm

Herbert Zangs, Ohne Titel, ohne Jahr, Dispersion auf Holz, 7 × 5,5 x 4cm

Für Herbert Zangs spielte die Farbe Weiß eine besonders symbolträchtige Rolle. Ganz im Sinne der ZERO-Bewegung sah der 1924 geborene Künstler das Weiß als einen radikalen Neuanfang. Während des zweiten Weltkriegs leistete Zangs Militärdienst ab, zu dessen Ende hin er in Kriegsgefangenschaft gerat. Nach seiner Freilassung kehrte er zurück nach Deutschland und nahm sein Studium an der Kunstakademie Düsseldorf, nahe seiner Heimatstadt Krefeld, auf. In Düsseldorf lebend, schaffte er es einen Draht zu anderen Kreativen seiner Zeit und Umgebung zu halten, sodass er unter anderem mit Joseph Beuys und dem Schriftsteller Günter Grass teilweise engen Kontakt pflegte. 1950 begann Zangs jedoch auch, Inspiration in anderen Ländern zu sammeln. Er reiste sowohl innerhalb Europas als auch nach Afrika, Asien und Australien. Verstärkt auf diesen Reisen entstanden die bunten, figurativ-expressionistischen Bilder Zangs. Wofür ihm jedoch besondere Aufmerksamkeit geschenkt wurde, waren seine sogenannten „Verweißungen“.

Herbert Zangs, Ohne Titel, 50er Jahre, Dispersion auf Leinwand, 55 × 75 cm

Herbert Zangs, Ohne Titel, 50er Jahre, Dispersion auf Leinwand, 55 × 75 cm

Herbert Zangs, Ohne Titel, 1975, Acryl auf Pergamentpapier in Plexiglaskasten, 31 × 22,5 cm

Herbert Zangs, Ohne Titel, 1975, Acryl auf Pergamentpapier in Plexiglaskasten, 31 × 22,5 cm

Ab 1952 schuf Herbert Zangs neuartige, weiße Kunstwerke. Er arrangierte Alltagsgegenstände oder auch eigens angefertigte Figuren zu neuen Collagen und überzog diese mit weißer Farbe. Auf Leinwänden hob er Strukturen hervor, welche erst durch die nachträglich aufgetragene Farbe sichtbar wirkten. Zangs nutzte die Farbe nicht, um auf einer leeren Leinwand etwas völlig Neues zu schaffen, sondern verwandelte Gegenstände zu Kunstobjekten mit weitreichender Bedeutung. Mit den Verweißungen schaffte er es den Fokus eines jeden Betrachters neu zu setzen und Weiß als Farbe der Hervorhebung zu nutzen. Bis zu seinem Tod 2003 fertigte er sowohl Werke im modernen avantgardistischen Stil und dennoch auch figurativ-expressionistische Bilder, ähnlich denen, welche von Künstlern vor dem zweiten Weltkrieg gemalt worden sind. Im Gegensatz zu anderen Künstlern aus dem Umfeld der ZERO-Bewegung bedeutete der radikale Neuanfang mit der Farbe Weiß für Herbert Zangs keinen Widerspruch dazu, angefangene Traditionen fortzuführen.