Ateliergespräch - Astrid Ehlers

Strich für Strich unter die Oberfläche der Welt

In der letzten Ausgabe stellten wir Ihnen den Schweizer Künstler und documenta IV-Teilnehmer Christian Megert vor, der mit seinen Werken aus Spiegeln zu den wichtigsten Vertretern interaktiver Kunst gehört. Dieses Mal präsentieren wir die 1985 bei Hamburg geborene Künstlerin Astrid Ehlers. Die Zeichnungen, Kaltnadelradierungen und Installationen der HfBK-Absolventin, eröffnen ungeahnte Beziehungen sowie unerwartete neue Kontexte zwischen scheinbar banalen Gegenständen. Was haben ein Strich für Strich mit faszinierender Akkuratesse abgebildetes Seil und das menschliche Denken gemeinsam? Warum wollen wir in allem Muster erkennen? Und wie gelingt es dem künstlerischen Schaffen, sich unter die Oberfläche des Sichtbaren vorzuarbeiten? Astrid Ehlers grafische Arbeiten, die über einen Zeitraum von bis zu einem Jahr entstehen, sind Ausdruck von mit Bedacht formulierten bildnerischen Gestaltungen ihrer Verwunderung über die Welt. Sie laden den Betrachter ein, diese Verwunderung mit ihr zu teilen und das Besondere im Allgemeinen zu entdecken.

Rene Spiegelberger hat im Rahmen dieses Interviews das Hamburger Projekt Open Studio exklusiv begleitet. Die Besonderheit: Das hier gedruckte Gespräch entspringt einem filmischen Porträt über die Künstlerin, das ab dem 12. Dezember 2019 online unter www.openstudio.gallery zu finden sein wird.

 

Astrid Ehlers - AtelierAnne Simone Krüger: Liebe Astrid, dein Medium ist die Radierung, also das Bearbeiten einer Metallplatte mit einer Nadel. Von der Platte werden dann Drucke abgezogen. Dennoch sprichst du davon zu “zeichnen”. Ist es für dich wie Zeichnen, wenn du radierst?

Astrid Ehlers: Ja, komplett. Eigentlich ist nur der Zeichengrund ein anderer. Und der Stift hinterlässt keine Spur. Also er tut es schon. Aber eben keine farbige Spur, sondern nur den ‘Eindruck’, den man ja beim Bleistift in gewisser Weise auch hat.

Anne Simone Krüger: Aber fertigst du auch klassische Zeichnungen mit Bleistift?

Astrid Ehlers: Ja, selten zur Entspannung. Manchmal Motive bei denen ich Lust dazu habe. Denn es ist schon ein komplett anderes Arbeiten. Man sieht direkt, was man macht und muss sich nicht darauf verlassen, dass man das Richtige tut. Auch wenn ich, was ab und zu durchaus vorkommt, einen Pinsel in die Hand nehme, ist jedoch alles, was ich mache, immer sehr zeichnerisch. Ich bevorzuge es diese harte Verbindung zu haben zwischen der Hand und dem Zeichengrund, egal ob beim Papier oder Metall. Und nicht wie beim Pinsel diese weiche Stelle dazwischen die diese Direktheit für mich verfälscht.Astrid Ehlers beim Zeichnen

Anne Simone Krüger: Mit dieser physischen Härte arbeitest du dich, wie du es formulierst, quasi durch die Oberfläche hindurch und versuchst, hinter die Oberfläche der Dinge zu kommen.

Astrid Ehlers: Genau. Diese Durchdringung der Oberfläche oder dieses Eindringen in die Oberfläche ist ja schon im Wortgebrauch ein Synonym für das Durchdringen von etwas in Gedanken. Für mich ist die Radierung insofern das wirkliche Hineinbegeben in ein Gedankenkonstrukt und in ein Thema. Ich versuche durch die Oberfläche zu kommen und mich tief hineinzudenken und reinzuarbeiten in die Themen.

Anne Simone Krüger: Du sagtest einmal: "Das Kratzen an der Oberfläche der Metallplatte mit der Radiernadel ist Zeichnung, Abtastung und Manipulation. Das physische Durchdringen der Oberfläche mit der Nadel und das konzeptuelle Durchdringen eines Gegenstandes werden in den Arbeiten zu Synonymen."

Astrid Ehlers: Ja, das bezieht sich auf diesen Filter des eigenen Geistes und des eigenen Denkens. Bei meinen Motiven ist es manchmal das Original, also das reale Objekt, von dem ich abzeichne und manchmal ein Bild. Mit meiner Nadel versuche ich, jeden Punkt dieses Bildes, das ich wahrnehme zu berühren und abzutasten und wiederzugeben. Das ist natürlich durch diese komplette Übersetzung des eigenen Körpers und der eigenen Wahrnehmung in gewisser Weise ein ganz anderes Bild. Trotzdem geht es darum, jeden Punkt zu berühren und durch dieses Einschreiben in ein anderes Material auch zu intensivieren. Also jeden Bildinhalt, jedes Detail, das man wahrnehmen kann wiederzugeben. Dazu passt auch, dass die sehr feinen Linien, die die Radiernadel macht, sich in einem ganz geringen Mikrometer Bereich befinden. Die meisten Striche, die ich mit der Nadel mache, sind genau in dem Bereich, dass man sie mit der Fingerkuppe noch fühlen kann. Letztlich ist es immer irgendwie eine Form davon, so nah wie möglich heranzukommen: mit der Zeichnung oder im Geist. Und mich den Dingen so weit wie möglich anzunähern. So sehr anzunähern, dass ich sie durchdringen kann.

Astrid Ehlers - A needle scratches the surface - poleAnne Simone Krüger: Deine Werke vermitteln den Eindruck, dass du eine unglaubliche Freude an naturphilosophischen Zusammenhängen hast. Dass du dir ein Objekt heraussuchst, welches im ersten Moment ganz simpel, ganz profan wirkt, dann jedoch unglaubliche Horizonte eröffnest. Wie kommt es dazu? Wann spricht dich ein Objekt an und wann hast du das Gefühl: Da kann ich was draus machen?

Astrid Ehlers: Ganz genau kann ich das nicht sagen. Aber der Prozess ein Objekt zu finden, das ich zeichnen möchte, dauert meistens ziemlich lange. Oft sprechen mich Formen an, die sehr einfach sind und gleichzeitig schon wieder so simpel, dass sie etwas Archaisches oder Runenhaftes oder Zeichenhaftes bekommen. Sodass sie, obwohl sie eigentlich meistens einen komplett konkreten Zweck haben, offen sind für viele andere Bedeutungsansätze.

Beim vorletzten Werkkomplex "A needle scratches the surface" war das Ausgangsobjekt eine Rolle sehr eng gewickelten Seils, das eigentlich ein Stück Katzenkratzbaum ist. Das ist natürlich an sich ein total banaler Gegenstand. Aber dieses Seil hat eine enorme Intensität. Erst einmal das Seil als Symbol und dann das Seil als Synonym für das Denken, für die Gedanken, für das Umwickeln von etwas, für das Festhalten und Begreifen. Es sind so viele Ebenen drin und genau daran habe ich Freude: Wenn das Denken sich seinen seinen Weg sucht, immer weiter nach Muster forscht und Zusammenhänge erkennt, wo vielleicht welche sind, vielleicht aber auch nicht. Meine Technik wiederum ist, mit der Radiernadel oder selbstgebauten Werkzeugen ins Material zu kratzen. Sowie es der Zweck eines Kratzbaums ist, dass die Katzen ihre Krallen da rein schlagen. Und auch da ist der Hintergrund eigentlich zu sagen: "Ich war hier, das ist meins, das ist mein Revier". Es geht darum, eine Spur zu hinterlassen. Genau diese Parallelenfaszinieren mich, weil sie sich dem Denken öffnen und den Möglichkeiten der Vorstellung.

 Anne Simone Krüger: Arbeitest du eigentlich immer in Werkkomplexen? Ich habe mehrere von dir gesehen - hast du grundsätzlich das Bedürfnis dich einem Thema von mehreren Seiten zu nähern?

Astrid Ehlers: Absolut, Werkkomplexe sind meine Hauptarbeitsweise. Dabei gehen die Komplexe allerdings eigentlich immer ineinander über. Es ist meistens ein Element aus dem letzten Werkkomplex, das mich besonders fasziniert. Das greife ich dann auf und es entsteht der nächste daraus. Dadurch ist mein Werk eigentlich wie ein Buch mit verschiedenen Kapiteln, die dann selbst wieder in einzelne Absätze gegliedert sind, was wiederum die einzelnen Arbeiten sind.Astrid Ehlers Säule - Detail

Anne Simone Krüger: Dein Arbeitsprozess ist ein sehr fragiler, denn du hast kaum die Chance zu korrigieren, wenn du einmal daneben geritzt hast.

Astrid Ehlers: Das ist ein zum Teil eine Fehlannahme. Zeichnungen von mir sind oft freistehend auf dem Blatt mit viel Weißraum darum herum. Wenn ich nach außen mit der Nadel abrutschte, in den Weißraum, ist der Fehler da. Dann ist es wie es ist. Wenn ich nach innen in die Zeichnung abrutsche, gibt es aber doch einige Möglichkeiten, das wieder zu korrigieren, u.a. mit einem Polierwerkzeug.

Und manchmal sind mit kleine Fehler auch ein bisschen egal. Dadurch, dass meine Arbeitsweise eigentlich eher eine Mischung aus einem prozesshaften und einem konzeptuellen Ansatz ist. Die Fehler dürfen nur nicht vom Motiv ablenken. Und auch hier kann man wieder den Vergleich zum Denken bemühen, das ja auch zig Störfaktoren ausgesetzt ist.

Anne Simone Krüger: Deine Arbeitsweise selbst ist letztlich, auch wenn du nur feine Linien erzeugst, eine durchaus körperliche…

Astrid Ehlers: Ja sehr. Man arbeitet ewig gegen diesen physikalischen Widerstand an.

In einer Arbeit habe ich die Kräfte einmal gemessen. Ich habe eine Zinkplatte auf eine Waage gelegt, dann die Hand daneben positioniert und verschiedene Stichproben genommen um zu sehen, mit wieviel Druck ich verschiedene Linien mache. Die feinen Linien liegen zwischen 95 Gramm und 200 Gramm, die mittleren zwischen 400 und 900. Und bei den ganz starken Linien, wenn ich wirklich versuche große Tiefen zu erzeugen, sind es bis zu zwei oder über zwei Kilo. Diese Spannung erhält man im Zweifel über Stunden aufrecht.

Astrid Ehlers - I am the needleAnne Simone Krüger: Wie viele Abzüge kannst du von einer Platte machen? 

Astrid Ehlers: Wenige. Oder verhältnismäßig wenige, weil ich sehr fein zeichne. Je nach Motiv kann ich etwa zehn Drucke machen. Oft ist es dann aber auch so, dass mir fünf davon gar nicht gefallen und dann fallen ein par Drucke weg. Meine größten Auflagen sind so bei dreizehn Exemplaren. Das ist Rekord. Und diese unterscheiden sich meistens alle sehr voneinander. Das ist schon eher experimentelle Radierung.

Anne Simone KrügerDas heißt, dass es trotz Auflage bis zu einem gewissen Punkt Arbeiten mit einem unikatären Charakter sind? Dass man also durchaus von Unikaten sprechen kann? 

Astrid Ehlers: Fast. Es ein bisschen dazwischen. Wenn man bei einer Kleinstauflage davon ausgeht, dass ein Druck mehr oder weniger dem anderen gleicht, dann sind es Unikate, da sie sich, wie gesagt, mitunter sehr unterscheiden. Ja, dann ist jedes Blatt ein Unikat, aber ein Unikat unter mehreren, die sich sehr stark ähneln, jedoch nicht gleich sind.

Anne Simone Krüger: Und zu guter Letzt: wie bist du zur Radierung gekommen und was fasziniert dich an der Technik? 

Astrid Ehlers - I am the needle - view (Detail)Astrid Ehlers: Teil dessen, warum ich in diese Technik sofort eingestiegen bin und auch nicht mehr wegwollte ist, dass es mir in meiner Arbeit um eine ganz ganz starke Bewusstmachung dessen geht, was man eigentlich tut. Bei der Radierung gibt es viele Bereiche, die Aspekte der Technik sind und gleichzeitig auch inhaltlich in den Arbeiten eine bedeutende Rolle spielen. Durch die Intensität des Arbeitsprozesses erfolgt die totale Bewusstmachung der eigenen Handlungen - da verschränkt sich viel. Wenn man eine Linie ins Metall zeichnet ist das viel intensiver, als eine Linie mit einem Stift zu zeichnen. Diese totale Vergegenwärtigung knüpft für mich ganz persönlich auch an die Frage nach Bewusstsein. Für mich ist Bewusstsein eigentlich nur dann da, wenn man wirklich drüber nachdenkt, dass man bewusst ist oder, dass man bewusst handelt. Und das findet sich in den ganzen Kräften, die in der Radierung eine Rolle spielen. Das findet für mich einfach einen guten Widerhall.